Demo gegen Nationalismus bei der Fußball-WM der Männer

Am 4.7. fand in Jena eine Demo unter dem Aufruf „Sportlich bleiben – Nationalismus wegkicken“ statt. Dabei gab es einen Redebeitrag von friends & allerta_femminista zu rassistischen und sexistischen Stereotypen im Fußball und während der WM:

Beim angeblich unverkrampften Abfeiern von deutschem Nationalismus bei der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer gehen rassistische Ressentiments oft Hand in Hand mit Sexismus. Auf vielerlei Art und Weise zeigt sich, dass alles, was nicht männlich, heterosexuell und weiß ist, im kommerziellen Fußball als nicht normal degradiert wird.
Ein Beispiel: Zum Auftakt der Männer-WM tanzten leicht bekleidete und mit Federn geschmückte dunkelhäutige Frauen vor der Goethe-Galerie Samba, um den Deutschen Fans vor Ort ein „authentisches“ Bild von Brasilien zu vermitteln.

Bei diesem vermeintlich „charakteristischen“ Bild handelt es sich allerdings um ein Stereotyp – einem Stereotyp, das Bestandteil von Herrschaftsverhältnissen ist, die spätestens seit dem Kolonialismus bestehen. Dabei dominieren Westeuropa (und Nordamerika) gegenüber ehemaligen Kolonien und Ländern der Peripherie und Semiperipherie wie Brasilien.

Stereotype dieser Art brandmarken die Bewohner_innen der ehemaligen Kolonien als „irgendwie anders“. Diese Andersartigkeit wird dabei oft mit dem Verweis auf die „Kultur“ begründet – ein Begriff, der den Begriff der Rasse ersetzt. So heißt es, „Die Brasilianer haben halt eine andere Kultur“. Brasilianer_innen gelten als temperamentvoll, offen, fröhlich, „haben den Rhythmus im Blut“. Ähnliche Klischees werden auch oftmals dem Fußballspiel nachgesagt: „Brasilianischer Fußball“ ist „leidenschaftlich“, „feurig“ und „ungezähmt“.
Zuschreibungen dieser Art sind auf Vorstellungen von „Ursprünglichkeit“, „Unvermitteltheit“ oder „Triebhaftigkeit“ zurückzuführen. Diesen wird im Gegenzug eine angebliche Rationalität und Kultiviertheit der weißen Bewohner_innen der westlichen Welt entgegen gestellt.

Brasilianer_innen werden damit nicht nur als „anders“ ausgewiesen, sondern gegenüber dem weißen, westlichen Subjekt abgewertet. Nicht selten werden rassistische Stereotype dabei mit sexistischen Klischees verknüpft: Während die brasilianischen, „impulsiven“ Männer als besonders potent dargestellt werden, werden brasilianische Frauen stark sexualisiert. Dass diese Eigenschaften als (sexuell) attraktiv verstanden werden, darf nicht darüber hinweg täuschen, dass sie nach der hiesigen Fortschritts- und Verwertungslogik trotzdem als minderwertig gegenüber dem sich selbst disziplinierenden, arbeitenden westlichen Subjekt gelten.

Die Atmosphäre der Fußball-Weltmeisterschaft der Herren leistet also nicht nur rassistischen Ressentiments, sondern auch sexistischen Normen Vorschub.
Zum einen wird das, was traditionell als „männlich“ gilt, im kommerziellen Fußball und seiner Fankultur offensiv inszeniert: (körperliche) Härte, Aktivität, Kampf- und Einsatzwille, ein athletischer, muskulöser Körper bei den männlichen Spielern einerseits und das Dominanzverhalten der männlichen Fans andererseits, das sich in aggressivem Auftreten, grölendem Umherziehen und dem Ausschluss von Frauen äußert.
Kritiker_innen mögen jetzt einwerfen: Aber ist es nicht so, dass auch die männlichen Fans bei einer Niederlage weinen? Und hat nicht David Beckham durch seinen „metrosexuellen Stil“ das stereotype Bild von Männlichkeit im Fußball längst aufgeweicht?

Wie die Analyse dieser Phänomene zeigt, können all diese scheinbaren Abweichungen von der heterosexuellen, männlichen Norm aber nur deswegen zugelassen werden, weil der Raum des Fußballs von vornherein klar heterosexuell strukturiert ist. Die Zweigeschlechtlichkeit wird damit als unhinterfragbare Norm gesetzt. All jene ‚Ausnahmen‘ bestätigen also bloß die Regel und dienen den männlichen Fans vielmehr als Versicherung ihrer eigenen Männlichkeit.
Auch wenn die großen Medien homosexuellen Ex-Profifußballspielern für ihr Coming Out Lob und Bewunderung aussprechen ist Heterosexualität immer noch die ungeschriebene Norm – Das beweisen nicht nur homophobe Beschimpfungen in Kommentarspalten, Facebook und Internetforen, sondern auch die Tatsache, dass es offenbar nach wie vor Mut braucht, sich öffentlich zu outen – ein Coming out, das im Übrigen völlig unnötig wäre, wenn nicht alles, was sich jenseits der Zwangs-Heterosexualität befindet, diskriminiert werden würde. Oder musste schon jemals eine Person öffentlich erklären: „Ich möchte mich zu meiner Heterosexualität äußern“?

Frauen* dagegen sind beim kommerziellen Männerfußball nicht nur als Zuschauerinnen in der Minderheit, als leitende und sichtbare Funktionäre in Fußballvereinen, Verbänden oder im Fußballjournalismus sind sie nahezu abwesend. Am häufigsten tauchen sie noch als Freundinnen der Spieler auf – dabei stets reduziert auf eine stereotype Form von Weiblichkeit, die sich auf körperliche Schönheit und Passivität beschränkt. Vorurteile über Frauen im Stadion oder auf dem Rasen – sie haben keine Ahnung von den Regeln, interessieren sich nur für das Aussehen der Spieler, können nicht Fußball spielen – sind sehr stark im Alltagsdenken verankert und werden immer wieder neu belebt.

Gerade Fußball spielende Frauen scheinen ein Politikum zu sein. Zwar ist der Frauenfußball im Zuge der letzten Frauenfußball-WM populärer geworden; er stellt jedoch nach wie vor das „absolut andere“ zum Männerfußball dar und erzielt bei weitem nicht dieselbe Aufmerksamkeit.
Dabei ist ein Paradigmenwechsel zu beobachten: Lange Zeit wurden Fußball spielende Frauen in der öffentlichen Wahrnehmung als „burschikose Lesben“ abgestempelt. Noch 1955 argumentierte der DFB, „im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut“. Dieses Klischee wird jedoch zunehmend abgelöst vom Bild der „sexy Kickerin“.
Grund dafür ist unter anderem auch eine neue Vermarktungsstrategie, die den Damenfußball vor allem unter dem Motto „sex sells“ verkaufen will. Damit wird das eine sexistische Klischee durch ein anderes sexistisches Klischee, nämlich die offensive Inszenierung einer stereotypen Weiblichkeit, ersetzt. Die Nacktfotos von Spielerinnen im Playboy sind dabei nur der Gipfel des Eisbergs.

Nicht zuletzt muss bei der diesjährigen WM nicht extra dazu gesagt werden, dass es die WM der Männer (und nicht der Frauen) ist. Hören wir das Wort Fußball, denken wir an schwitzende Männer auf dem Platz und johlende Fans auf der Tribüne, im Alltag und während der WM.

All diese Beispiele zeigen: Der kommerzielle Fußball stellt sich hier als Spektakel dar, das rassistische, sexistische und patriarchale Normen in Szene setzt. In diesem Sinne: „Für einen Fußball ohne Sexismus und Rassismus, Spaß am Spiel ohne Mackertum! Das Patriarchat überwinden – vor, während und nach der WM!“